05.12.2023rss_feed

Spastische Parese und steile Beine: Definitiv zwei unterschiedliche Merkmale

Julia Hinken, SYNETICS

Das Vorkommen der Spastischen Parese und ein steiles Hinterbein werden häufig in der alltäglichen Diskussion miteinander vermischt. Um die Spastische Parese von einem (zu) steilen Hinterbeinwinkel zu unterscheiden und auf die negativen Folgen bei der Zucht auf stärker gewinkelte Hinterbeine hinzuweisen, möchten wir mit diesem Beitrag Aufklärung leisten und die Diskussion versachlichen. Weiterhin soll der kontinuierliche Aufbau einer soliden Datengrundlage dazu beitragen, eines Tages der Spastischen Parese mithilfe von Selektionswerkzeugen in der Population den Garaus zu machen.


Kurz und knapp
  • Steile Hinterbeinwinkelung und Bovine Spastische Parese sind getrennt voneinander zu betrachtende Merkmale und nicht miteinander zu verwechseln!
  • Kühe mit tendenziell steileren Hinterbeinen haben gegenüber Kühen mit gewinkelterem Hinterbein Vorteile in der Nutzungsdauer.
  • Zur Aufklärung der Ursache für Spastische Parese wird eine größere Datengrundlage benötigt. Bitte melden Sie Kälber, Jungrinder und Kühe mit BSP an Ihre Zuchtorganisation oder direkt mit der entsprechenden Diagnosemeldung in NETRIND.
spastische Parese im linken Bein
© Dorothee Warder

Wie erkenne ich eine Spastische Parese?

Bei der Bovinen Spastischen Parese (BSP) handelt es sich um eine fortschreitende neuromuskuläre Erkrankung der hinteren Gliedmaßen. Die Krankheit wurde 1922 erstmals bei dem Friesischen Bullen Elso II dokumentiert und deshalb auch als Elso-Hacke bezeichnet. Das Vorkommen von BSP ist nicht nur in der Holstein Population bekannt, sondern betrifft beispielsweise auch Weißblaue Belgier, das Fleckvieh und Hereford Rinder. Die Krankheit findet sich sowohl bei Kälbern als auch bei ausgewachsenen Tieren beider Geschlechter. Erkrankte Tiere zeigen eine fortschreitende Überstreckung eines oder beider Hinterbeine (Abbildung 1). Oft berührt das erkrankte Bein nur noch mit der Zehenspitze den Boden, bei fortschreitender Erkrankung ist es auch möglich, dass das erkrankte Bein in der Luft schwebt (Abbildung 2). Betroffenen Tieren ist es nicht mehr möglich, Sprung- und/oder Kniegelenk zu beugen. Dadurch entsteht ein Gangbild, das einem schwingendem Pendel oder Zinnsoldaten ähnelt. An BSP erkrankte Tiere liegen zudem viel, sind dabei jedoch äußerlich symptomfrei. Das längere Liegen führt zu einer kürzeren Verweildauer am Futtertisch und damit einhergehend einer geringeren Futteraufnahme, was sich auch an einem geringeren Body Condition Score (BSC) der betroffenen Tiere widerspiegelt (Tabelle 1).

BSP wird im Rahmen der Klassifizierungen in der ersten Laktation als Mangel des Fundaments geführt. Auswertungen der Klassifizierungsdaten im Zuchtgebiet der MASTERRIND haben ergeben, dass dieser Mangel in den letzten Jahren vermehrt dokumentiert wurde, was auf eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber diesem Merkmal beziehungsweise eine leicht zunehmende Frequenz zurückzuführen sein kann.


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Zusammenhang von Bewegung und Körperkondition zu Hinterbeinwinkel bei gesunden und Spastische Parese (BSP)-Tieren

Wie kommt es zu dem Zusammenhang mit steilen Hinterbeinen?

Durch das klinische Bild des gestreckten, steifen Beins und den Klassifizierungsnoten wird BSP oft mit steilen Beinen gleichgesetzt. Diese Annahme konnte in der Vergangenheit nicht bewiesen werden. Der Grund, warum erkrankte Tiere niedrige Noten für die Hinterbeinwinkelung und somit ein steiles Bein attestiert bekommen, liegt in der Art und Weise der Bewertung. Klassifizierer sind dazu angehalten das schlechtere Bein als Bewertungsgrundlage zu nutzen, welches im Fall von BSP-Tieren das erkrankte ist. Dieses ist aufgrund der Erkrankung gestreckt und wirkt steiler, das gesunde Bein kann durchaus normal gewinkelt sein. Eine Kuh mit steilen Hinterbeinen ist nicht automatisch spastisch und hat vermutlich auch kein höheres Risko an BSP zu erkranken. In der Notenvergabe für mit BSP gekennzeichneten Tieren gibt es auch solche, die mit einem gewinkelteren Hinterbein auffallen (Tabelle).


Steilere Hinterbeine haben Vorteile in der Nutzungsdauer gegenüber stark gewinkelter Ausprägung

DSC 2331 Edited
© Dorothee Warder

Eine bereits bekannte und sowie durch aktuelle Auswertungen des vit erneut bestätigte Tatsache ist, dass Tiere mit einer steileren Hinterbeinwinkelung eine geringere Abgangsrate haben als solche, die stärker gewinkelte Hinterbeine aufweisen. Kühe mit steileren Beinen haben die geringste Abgangsrate mit 23,9 % in der ersten sowie 29,9 % in der zweiten Laktation (Abbildung 3) und damit eine längere Nutzungsdauer im Vergleich zu Kühen mit mehr gewinkelten Hinterbeinen, von denen bereits 25,0 % in der ersten und 31,5 % in der zweiten Laktation abgehen (Abbildung 4). Interessanterweise scheint die Mobilität von Tieren mit steilen Hinterbeinen wenig beeinträchtigt zu sein, sodass der Gang zum Futtertisch problemlos ist und damit auch der BCS bei Tieren mit steilen Beinen am höchsten ausfällt (Tabelle).


Weiterhin zeigen die Auswertungen der Verteilung über die Notenvergabe in der Hinterbeinwinkelung, dass wir keine Verschiebung hin zu steilen Hinterbeinen in der Population sehen, sondern noch immer eine klassische Normalverteilung vorliegt. Es gibt damit immer einige wenige extreme Tiere mit sehr steilen, aber auch sehr gewinkelten Hinterbeinen, der Großteil der Population befindet sich noch immer um den Mittelwert (Abbildung 5). Die Zucht auf das eine oder andere Extrem ist in keinem Fall wünschenswert; für einen idealen Bewegungsablauf ist die Hinterbeinwinkelung als Optimalmerkmal im Notenbereich zwischen 4 und 5 zu betrachten (Tabelle).


Abbildung 5. Notenverteilung der Klassifizierungen für die Hinterbeinwinkelung von Kühen in der 1. Laktation ab 2020 im Zuchtgebiet der MASTERRIND.

Abbildung 5. Notenverteilung der Klassifizierungen für die Hinterbeinwinkelung von Kühen in der 1. Laktation ab 2020 im Zuchtgebiet der MASTERRIND.

Abbildung 3. Genomischer Zuchtwert für Hinterbeinwinkelung und phänotypische Abgangsrate dieser Tiergruppe. Die unteren 25 % (Tiere mit tendenziell steileren Beinen und Ø gZW 87,1) haben die geringste Abgangsrate (23,9 %) und damit eine längere Nutzungsdauer im Vergleich zu den oberen 25 % (Tiere mit tendenziell mehr gewinkelten Hinterbeinen und Ø gZW 108), von denen bereits 25,0 % in der ersten Laktation abgehen. (Quelle: Dr. C. Schmidtmann, vit)

Abbildung 3. Genomischer Zuchtwert für Hinterbeinwinkelung und phänotypische Abgangsrate dieser Tiergruppe. Die unteren 25 % (Tiere mit tendenziell steileren Beinen und Ø gZW 87,1) haben die geringste Abgangsrate (23,9 %) und damit eine längere Nutzungsdauer im Vergleich zu den oberen 25 % (Tiere mit tendenziell mehr gewinkelten Hinterbeinen und Ø gZW 108), von denen bereits 25,0 % in der ersten Laktation abgehen. (Quelle: Dr. C. Schmidtmann, vit)

Abbildung 4. In der 2. Laktation gehen 31,5 % der Tiere mit stärker gewinkeltem Hinterbein ab (obere 25 %, Ø gZW 108) im Vergleich zu Tieren mit steilerem Hinterbeinwinkel (untere 25 %, Ø gZW 87), von denen nur 29,9 % in dieser Zeit abgehen. (Quelle: Dr. C. Schmidtmann, vit)

Abbildung 4. In der 2. Laktation gehen 31,5 % der Tiere mit stärker gewinkeltem Hinterbein ab (obere 25 %, Ø gZW 108) im Vergleich zu Tieren mit steilerem Hinterbeinwinkel (untere 25 %, Ø gZW 87), von denen nur 29,9 % in dieser Zeit abgehen. (Quelle: Dr. C. Schmidtmann, vit)

Wie geht es mit dem Merkmal Spastische Parese in Zukunft weiter?

Noch immer wird von einer potenziell genetischen Veranlagung für die Ausprägung der BSP ausgegangen. Ein Nachweis über den vorliegenden Erbgang oder umweltbedingte Auslöser bei einer Prädisposition konnten bisher nicht erbracht werden. Somit wird weiter an der Ursache geforscht. Auch Sie können dazu beitragen, die Datengrundlage zu erweitern und bei der Aufklärung zu helfen:


Betroffene Tiere melden

Melden Sie Tiere mit Spastischer Parese, auch Kälber und Jungtiere, Ihrer Zuchtorganisation oder direkt über NETRIND bzw. über Ihr für KuhVision genutztes Herdenmanagement-Programm mit der entsprechenden Diagnose Spastische Parese.

Die Diagnose zu Spastischer Parese ist unter Missbildungen (MI) hinterlegt und nicht, wie man vielleicht denken würde, unter Bewegungsapparat in den NETRIND-Anwendungen. Der exakte Diagnoseschlüssel für Spastische Parese lautet 9.99.12. und in HERDE befindet sich die Diagnose für Spastische Parese unter 1.09.01.01..

Diagnosemeldung über die NETRIND-App für das mobile Gerät (Quelle: vit)

Diagnosemeldung über die NETRIND-App für das mobile Gerät (Quelle: vit)

Liste der Diagnosen unter MI (Missbildungen) (Quelle: vit)

Liste der Diagnosen unter MI (Missbildungen) (Quelle: vit)

Diagnosemeldung über NETRINDmlp (unter Buchen > Diagnose) (Quelle: vit)

Diagnosemeldung über NETRINDmlp (unter Buchen > Diagnose) (Quelle: vit)

Eintragung der Diagnose Spastische Parese in HERDE (Quelle: RinderAllianz)

Eintragung der Diagnose Spastische Parese in HERDE (Quelle: RinderAllianz)