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150 Jahre Deutsche Holsteinzucht - Teil 2

Gibor
© RUW

Die Deutsche Holsteinzucht feiert 2026 ihr 150-jähriges Bestehen. Seit eineinhalb Jahrhunderten steht sie für Kontinuität, Engagement und die Weiterentwicklung der Milchrinderhaltung. Aus Anlass des Jubiläums blickt der BRS gemeinsam mit den Mitgliedsorganisationen auf die Geschichte und Bedeutung einer der wichtigsten Rinderrassen Deutschlands zurück.


Zum Jubiläum kommen Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter der Branche zu Wort und teilen ihre persönlichen Erfahrungen, Erinnerungen sowie ihre Perspektiven auf die weitere Entwicklung und Stellung der Holsteinzucht in Deutschland.


Stimmen zur Holsteinzucht

Jan Bierma
© Privat

Jan Bierma, Holstein International

Meine Erfahrung mit der deutschen Holsteinzucht ist intensiv und langjährig. Meine Eltern zeigten schon früh Interesse an der Holsteinzucht und reisten daher (in den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts) in die deutsche Region Osnabrück, um sich die Holsteins mit eigenen Augen anzusehen.

Sechs Jahre später als junger Student an der HAS, musste ich eine Studienarbeit schreiben und beschloss, die genetischen Unterschiede zwischen der OHG-Population und der Population des FRS-Zuchtbuchs in den Niederlanden zu untersuchen. Zu diesem Zweck arbeitete ich sechs Monate lang bei der OHG, wo ich viel über die deutsche Holsteinzucht gelernt habe.

Mit unserer Zeitschrift Holstein International sind die Kontakte zu den deutschen Besamungs- und Zuchtorganisationen stets eng geblieben. Die Vielfalt der deutschen Holsteinstruktur ist groß, was neben der großen Leidenschaft so vieler Holsteinzüchter auch eine ihrer großen Stärken ist. Eine weitere Stärke der deutschen Holsteinbranche: Vollständigkeit! Deutschland war schon immer offen für neue Trends und Merkmale, um die Rentabilität der Holsteinkuh zu steigern. Ihr Gesamtindex RZG ist zum Symbol für eine sehr vollkommenen Kuh geworden: Leistung, Fitness und Exterieur – alles in einem Paket, gestützt durch fortschrittliche Datenstrukturen.

Man kann ohne Weiteres sagen, dass Deutschland eine der führenden Kräfte innerhalb der weltweiten Holsteinbranche war und bleibt, und wir möchten die aktuellen deutschen Verbände dazu ermutigen, diesen Kurs beizubehalten!

Und zu guter Letzt: Herzlichen Glückwunsch zum 150-jährigen Jubiläum!


Torsten Schlunke
© BRS

Torsten Schlunke, Milcherzeuger & BRS-Vorstandsmitglied

150 Deutsche Holsteinzucht, das ist 150 Jahre Entwicklung einer Rasse in allen Landesteilen. In der DDR war das Holsteinrind nicht drin, da wurde es weggezüchtet. Das erste, was die ostdeutschen Bauern gemacht haben, ist die Rasse wieder einzukreuzen und weiterzuentwickeln. In den letzten Jahren, vor allem durch die genomische Selektion und auch durch die Typisierung der Einzeltiere, ist der Fortschritt in der Rasse so extrem geworden - dem kann keine andere Rasse das Wasser reichen.


VDS Vortragstagung 1993 in Verden
© Reents / vit

VDS Vortragstagung 1993 in Verden

Dr. Reinhard Reents, vit

Die Zuchtwertschätzung als wesentliches Element der Milchrinderzucht: Mit dem Einsatz von gefrierkonserviertem Rindersamen eröffneten sich in den 60er Jahren viele Chancen, die jedoch auch Herausforderungen mit sich brachten. Die Nutzung von Bullen auf vielen verschiedenen Betrieben war Fluch und Segen zugleich: züchterisch wertvolle Bullen konnten deutlich mehr Nachkommen produzieren als ein Natursprungbulle. Die Vererbungsleistung eines einzelnen Bullen war jedoch schwerer zu ‚überblicken‘, weil die Töchter in vielen Betrieben standen und der Vergleich der Töchter entfiel. Dies war die Geburtsstunde des Rechenzentrums in Verden im Jahre 1965, wo unter einer Anschubfinanzierung des Ministeriums in Hannover die Entwicklung einer niedersächsischen Zuchtwertschätzung (ZWS) eine der Hauptaufgaben war.

Von regionalen zu bundesweiten Zuchtwerten

Eines der ersten Ziele war eine unverzerrte ZWS zunächst für die Milchleistungsmerkmale. Gleichzeitig wurden das Exterieur und funktionale Merkmale angesprochen, die zukünftig in Selektionsentscheidungen einzubeziehen seien. Es dauerte jedoch noch bis in die 90er Jahre, ehe die Datengrundlage, die Rechenkapazität und die genetisch-statistischen Modelle so weit waren, diese Aufgaben anzugehen. Zu dieser Zeit war die offizielle ZWS Ländersache, das heißt es gab in vielen Bundesländern noch regionale Zuchtwerte für den gleichen Bullen. So war es einer meiner ersten Aufgaben im Jahr 1992, aus den regionalen Exterieur ZWS eine bundesweit vergleichbare ZWS nach dem BLUP-Tiermodell zu entwickeln. Durch internationale Kontakte konnten wir von den Erfahrungen aus Dänemark und den Niederlanden profitieren, die kurz zuvor eine ZWS für lineare Merkmale eingeführt hatten.

Interbull & RZG

Einen entscheidenden Beitrag für die Holsteinzucht in Deutschland leistete Mitte der 1990er Jahre auch der Interbull-Zusammenschluss, indem Zuchtwerte aus allen wichtigen Holsteinländern international vergleichbar gemacht wurden. Dies war zudem eine wesentliche Voraussetzung für die Implementierung von Gesamtzuchtwerten, weil nur durch Interbull auch ausländische Bullen Zuchtwerte für alle wirtschaftlich wichtigen Merkmale erhalten konnten. Da Deutschland immer schon über eine hohe Datenqualität verfügte und neue Merkmale schnell eingeführt hat, konnte 1996 ein erster Gesamtzuchtwert RZG veröffentlicht werden, der durch stetige Weiterentwicklungen weltweit hohe Anerkennung findet. Ein großer fachlicher Fortschritt wurde mit der Einführung eines Testtagsmodell Ende der 90er Jahre gemacht. Hier konnte die deutsche Holsteinzucht ebenfalls von internationalen Kontakten profitieren – so wurde das Testtagsmodell maßgeblich während meines Post Doc Aufenthaltes in Guelph, Kanada, bei Prof. Schaeffer entwickelt.

Genomische ZWS

2006 war es ebenfalls Prof. Schaeffer aus Guelph, der mit einer Veröffentlichung zur genomischen ZWS den Weg ebnete, und damit weltweit den Startschuss für die Implementierung einer ZWS mit Hilfe von DNA-Markerdaten (SNPs) gab. Faszinierend war einerseits, dass direkt nach der Geburt sehr sichere Zuchtwerte geschätzt werden konnten, wodurch das Lotteriespiel der Nachkommenprüfung vorbei war und das Generationsintervall deutlich verkürzt wurde. Andererseits eröffnete sich erstmals die Möglichkeit, weibliche Tiere mit der gleichen Sicherheit selektieren zu können wie männliche Tiere. In einer sehr arbeitsreichen Zeit von ca. 2008 bis 2010 wurde mit der Gründung von EuroGenomics gemeinsam mit den europäischen Nachbarländern die Lernstichprobe deutlich erhöht, wodurch sich 2010 schließlich die genomische ZWS erfolgreich implementierte.

KuhVision

Dem mächtigen Werkzeug der genomischen ZWS folgte 2016 das Projekt KuhVision, wo auf ca. 750 ausgewählten Betrieben weitere Merkmale systematisch erfasst wurden und diese im Jahr 2019 in eine offizielle ZWS für Gesundheitsmerkmale umgesetzt werden konnten. Die aufschlussreichen Ergebnisse motivieren inzwischen viele Betriebsleiter, ihre weiblichen Kälber unmittelbar nach der Geburt genotypisieren zu lassen. Mit der Einführung des Single-Step-Verfahrens durch vit im April 2025 folgte der nächste wichtige Schritt, um für aktuelle und zukünftige Datenstrukturen optimal aufgestellt zu sein. Seit dem vergangenen Jahr wird außerdem an der Entwicklung einer europäische Zuchtwertschätzung gearbeitet, was die immer weiter fortschreitende Internationalisierung der Holsteinzucht unterstreicht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die deutsche Holsteinzucht nach 150 Jahren durch engagierte Züchter, durch Nutzung des weltweit vorhandenen Genpools, durch eine gute Datengrundlage sowie moderne Auswertungsmethoden einen hohen Stand erreicht hat und sich auch in Zukunft behaupten wird.


Hans-Willi Warder
© OHG

Hans-Willi Warder, OHG

Die europäischen und nordamerikanischen Schwarzbunt-Linien haben ihren gemeinsamen Ursprung in Norddeutschland und den Niederlanden. Im weiteren Verlauf entwickelten sich jedoch unterschiedliche züchterische Schwerpunkte. In Nordamerika lag der Fokus vor allem auf einer hohen Milchleistung, wodurch sich ein schlankerer, milchbetonter Exterieurtyp etablierte. In Deutschland hingegen behielt das Schwarzbunte Niederungsrind stärker seine Zweinutzungs-Eigenschaften bei. Durch den späteren Import von Tieren aus den USA und Kanada nach Deutschland wurden beide Zuchtlinien wieder miteinander vereint.

Auf den Instagram-Kanälen von BRS und OHG berichtet Herr Warder über die Entwicklung der deutschen Schwarzbunten zu milchbetonten Holsteins, die Rolle des aus den USA importierten Bullen Pabst Ideal sowie die Bedeutung der Bullen Elevation und Ramos.


Alexander Braune
© RinderAllianz

Alexander Braune, RinderAllianz

Wir freuen uns über dieses besondere Jubiläum! Vor 150 Jahren haben sich die Fischbecker Landwirte Gedanken gemacht, wie es denn sinnvoll ist, Rinderzucht zu organisieren und haben Gewichtsdaten, Leistungsdaten und die phänotypische Erscheinung der Tiere in dem ersten Herdbuch festgehalten. Es folgten anschließend die künstliche Besamung, ET, IVF und natürlich auch die genomische Selektion und vor zehn Jahren zu guter Letzt auch KuhVision. Wir freuen uns auf diesem Weg ein Teil davon zu sein und auch die nächsten Jahre noch aktiv Holsteins an der schönen Elbe und überall in Deutschland zu züchten.


Klaus Dieter Augustin
© Augustin

Klaus-Dieter Augustin, Milcherzeuger

Wir haben hier zwei Kühe im Stall, deren Väter echte Holstein-Legenden sind: Die zweitlaktierende Elevation-Tochter Erna und ihre Tochter Ella, eine Blackstar-Tochter in der ersten Laktation. Beide Kühe sind sehr leistungsstark und behaupten sich in unserer Herde. Wir haben mehrere Nachkommen älterer, einflussreicher Vererber in der Herde, die die Holsteinzucht über viele Jahre geprägt haben. Wir arbeiten nicht ausschließlich mit hochmoderner Genetik, sondern freuen uns, wenn auch die ältere Genetik noch so gut funktioniert. Dieser Kontrast im Stall macht Spaß. Zur Rasse Deutsche Holsteins möchte ich noch erwähnen, dass die heutige Holsteinkuh sehr effektiv Zellulose (Gras) in menschliche Nahrung umwandeln kann. Vielen Verbraucher ist gar nicht bewusst, was ein Rind wirklich leisten kann.


Hajo Leyschulte
© BRS

Hajo Leyschulte, Milcherzeuger & BRS-Vorstandsmitglied

Heuzutage treffen wir sehr viele Zuchtentscheidungen aufgrund der Genetik und dem Wissen darum. Wir versuchen Dinge wie Erbfehler und Blutkrankheiten auszumerzen, indem wir diese Tiere anders belegen, zum Beispiel mit Beef-on-Dairy, sodass wir sie gar nicht zur weiteren Zucht nutzen. Und genau mit diesem Werkzeug können wir unsere Herde besser machen. 150 Jahre Holsteinzucht ist für mich einfach eine Erfolgsgeschichte. Wenn Adolf Köppe wüsste, was er damals angefangen hat mit dem ersten Herdbuch in Fischbeck an der Elbe, dann würde er sich heute wahrscheinlich sehr freuen.


 

Lesen Sie auch: 150 Deutsche Holsteinzucht Teil 1 - Die wichtigsten Meilensteine

Auf dem Instagram- und Facebook-Kanal des BRS finden Sie die vollständigen Statements und Videos zum 150-jährigen Jubiläum der Deutschen Holsteinzucht: BRS Instagram