Interview mit der Bundestierschutzbeauftragten Silvia Breher zum Tierwohl nur mit der Landwirtschaft
AGRA Europe hat ein Interview mit Silvia Breher geführt. Breher ist die Beauftragte der Bundesregierung für Tierschutz und damit erste Ansprechpartnerin für tierschutzrelevante Fragestellungen in Deutschland.
AgE: Frau Breher, wir leben in einer Zeit internationaler Krisen, die sich auf die wirtschaftliche Lage in Deutschland ebenso auswirken wie auf die Stimmung in der Bevölkerung. Verliert der Tierschutz, der in der Werteskala der Menschen einen hohen Stellenwert hat, dadurch an Bedeutung?
Breher: Der Tierschutz bewegt nach wie vor sehr viele Menschen. Das wird zum Beispiel daran deutlich, wie viele fachliche Anfragen von Bürgern mich täglich erreichen. Außerdem ist der Tierschutz als Staatsziel in unserer Verfassung verankert. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung, die ich sehr ernst nehme.
AgE: Wie verstehen Sie Ihre Ihre Rolle zwischen den Ansprüchen des Tierschutzes und den Interessen der Tierhalter?
Breher: Verbesserungen in der Tierhaltung können nur dann gelingen, wenn wir alle an einen Tisch bringen. Genau deshalb suche ich auch ganz gezielt den Dialog mit Tierhaltern und Tierschutzorganisationen. Dabei zeigt sich häufig, dass die Gemeinsamkeiten größer sind, als oft angenommen wird. Denn letztlich verfolgen wir alle das Ziel einer zukunftsfähigen und tierwohlgerechteren Tierhaltung in Deutschland.
AgE: Wo sehen Sie in Ihrer Funktion als Bundestierschutzbeauftragte Defizite in der landwirtschaftlichen Tierhaltung?
Breher: Ein Anliegen, das mich in den letzten Monaten umgetrieben hat, ist der Tierschutz auf Schlachthöfen. Gerade hier sind in der Vergangenheit Fälle von Tierquälerei bekannt geworden. Das ist nicht nur ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, sondern diskreditiert auch die vielen Betriebe, die tierschutzkonform arbeiten. Umso wichtiger ist, dass das Kabinett Ende April die verpflichtende Videoüberwachung in Schlachthöfen beschlossen hat. Dafür habe ich mich eingesetzt, und ich halte das für einen Meilenstein zur Stärkung des Tierschutzes.
AgE: Die Novelle des Tierschutzgesetzes ist in der vergangenen Legislatur gescheitert. Sieht die Bundestierschutzbeauftragte Bedarf für eine Änderung des Gesetzes, die über die vorgesehene verpflichtende Videoüberwachung hinausgeht?
Breher: Absolut, wobei ich bewusst auf einzelne Schritte setze, statt auf ein großes Paket, aus dem am Ende nichts wird. Deshalb ist es auch so wichtig, zunächst die verpflichtende Videoüberwachung in Schlachthöfen gesetzlich zu verankern.
AgE: In der landwirtschaftlichen Tierhaltung fehlt es seit vielen Jahre an Planungssicherheit. Landwirte wissen insbesondere nicht, wohin die Reise bei den Tierschutzanforderungen geht. Was tun Sie als Bundestierschutzbeauftragte, um hier für mehr Klarheit sorgen?
Breher: Mir ist es wichtig, Landwirten zuzuhören und den Tierschutz gemeinsam mit ihnen weiter voranzubringen. Viele Landwirte wollen mehr Tierwohl umsetzen. Was sie an der Umsetzung hindert, sind bürokratische Hürden und fehlende Planungssicherheit. Wenn wir in Deutschland also mehr Tierwohl in den Ställen haben wollen, müssen wir als erstes die bau- und immissionsschutzrechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen. Das Bundesbauministerium bereitet gegenwärtig eine Novelle des Baugesetzbuches vor und auch mit dem zuständigen Bundesumweltministerium laufen die Gespräche.
AgE: Welche Rolle spielen Runde Tische
von Tierhaltern und Tierschützern für ihre Arbeit als Bundestierschutzbeauftragte?
Breher: Der Austausch mit Tierschützern und Tierhaltern ist ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit. So kann ich mir einen direkten Eindruck davon machen, wo konkreter Handlungsbedarf besteht.
AgE: Die Borchert-Kommission hat ein Konzept entwickelt, wie die steigenden Tierschutzansprüche der Gesellschaft und die wirtschaftlichen Interessen der Landwirte miteinander in Einklang gebracht werden können. Welchen Wert hat der Borchert-Plan noch für Sie?
Breher: Es ist der Borchert-Kommission gelungen, einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber herzustellen, dass mehr Tierwohl nur gemeinsam mit der Landwirtschaft zu erreichen ist – und nicht gegen sie. Sie hat dabei Tierhalter und Tierschützer an einen Tisch gebracht. Dieser Dialoggedanke ist nach wie vor zentral und prägt auch meine Arbeit.
AgE: Was haben Sie sich für den Rest der Legislaturperiode im Hinblick auf die Nutztierhaltung vorgenommen?
Breher: Ich möchte den Tierschutz insgesamt nachhaltig stärken. Allerdings hat die letzte Legislaturperiode gezeigt, dass Ankündigungen keine Verbesserungen für den Tierschutz bringen. Es kommt darauf an, konkrete Vorhaben umzusetzen und sichtbare Fortschritte zu erzielen. Darauf konzentriere ich meine Arbeit gemeinsam mit meinem Team.

Bundesverband Rind und Schwein e.V.
Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V.